Meinung: Wo ist die Innovation? – Wir brauchen einen Think Tank!

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„Das Gestalten der Zukunft stellt Zeitarbeitsunternehmen (…) vor die Aufgabe neue, ganzheitliche Geschäftsmodelle zu entwickeln (…). Diese Aufgabe ist eine der komplexesten Unternehmensaufgaben der Zukunft, denn sie beinhaltet die Weiterentwicklung der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Mitarbeiter auf die Bedürfnisse eines zukünftigen Marktes.“

So begann unser Blogbeitrag „David gegen Goliath - Warum Zeitarbeit die Zukunft ist (…)“ von vor ziemlich genau einem Jahr, aus 03.2018. Die Zeit ist weiter fortgeschritten. Weitergekommen sind wir wenig.

In diesem einen Jahr hat die AÜG Novelle viele von uns hart getroffen. Umsatzeinbrüche von bis zu 30% sind leider keine Seltenheit und die Renditen sinken dementsprechend schneller als manch einer zu Träumen gewagt hat. Kollegen werden übernommen, Konzerne entlassen interne Mitarbeiter und neue Bewerber zu finden wird immer komplexer. Mit einer dünner werdenden Finanzdecke in Kombination mit Höchstüberlassungsdauer ist das Thema Weiterbildung wohl auch nicht mehr umfassend zu reformieren. Die Branche hat Federn gelassen – ordentlich Federn.

Die propagierte Lösung oder alter Wein in neuen Schläuchen.

Allenthalben liest man auf Kongressen und Symposien: Recruiting und Marketing, Employer Branding und USPs – da liege die Lösung. Diese Themen befinden sich aber schon seit Jahren immer wieder auf der Agenda. Getan hat sich wenig. Gefüllt hat es häufig nur die Taschen der Berater. Digitalisierung und Agilisierung, die nächsten Heilsbringer werden aktuell wenig bis gar nicht nachgefragt und häufig bekommt man den Eindruck, dass das Ausmaß der Veränderung vielen Unternehmen noch gar nicht klar ist. Während man noch an der AÜG Novelle knabbert, vor der Evaluation zittert und mit Ungewissheit auf die anstehenden Tarifverhandlungen schaut, wird das Problem der anstehenden Überalterung der Branche nur bedingt wahrgenommen. Nur, wer soll Unternehmen übernehmen, die aktuell so geknechtet werden und sich so wenig wehren (können)? Können Sie mit gutem Gewissen ihren Kindern ein Unternehmen in solch einem Umfeld vererben? Seit Jahren befindet sich die Branche in einem Verdrängungswettbewerb mit sich selbst. Neue Geschäftsmodelle, kreative Ansätze sind Mangelware und häufig Leuchttürme, die schwer bis gar nicht kopier- oder anwendbar sind. Einflussnahme auf die Politik faktisch unmöglich. Das war die Quintessenz eines Gespräches von mir mit einem Kollegen eines befreundeten Unternehmens und das brachte uns auf die Idee.

Die Gegenwart oder überfrachtete Verbände

Die Schelte über die Verbände ist verständlich, aber nicht immer gerecht. Nicht nur dass gleich zwei um die Gunst der Mitglieder buhlen; sie haben so vielfältige Aufgaben, dass diese einen Verband allein überfrachten. Denn - Wie soll ein Verband, der mit Lobbyarbeit versucht, auf Gesetze und Gesetzesvorhaben Einfluss zu nehmen - und damit zu einer gewissen Neutralität gegenüber allen politischen Parteien ausgestattet sein muss - gleichzeitig massiv neue Themen propagieren? Wie sollen Juristen und Akademiker, die nie auch nur einen einzigen Mitarbeiter überlassen haben, das Tagesgeschäft mit all einen Tücken kennen, außer aus der zweiten Hand? Wie sollen Bildungsbeauftragte, die im Digitalisierungszeitalter schon genug damit zu tun haben den Status Quo zu sichern, noch neue Ideen entwickeln?

Ein Verband muss daher immer etwas Erhaltendes, Wertkonservatives sein. Und das sind beide – aber eben auch nicht mehr.

Die Zukunft - Wir brauchen einen Think Tank.

Wir brauchen eine Institution, die eine Agenda für die Zukunft setzt. Wir brauchen eine Forcierung von öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten zu unserem Thema, zu der Werthaltigkeit unserer Dienstleistung und zur Begründung unserer Unverzichtbarkeit. Wir müssen Fragen laut formulieren können, wie zum Beispiel: „Was wäre, wenn es die Zeitarbeit nicht mehr gäbe?“. „Wer hätte die Kompetenzen und Ressourcen, die lange nicht in Arbeit waren, wieder in Arbeit zu bringen?“.Wir müssen laut darüber nachdenken dürfen, die Arbeitsämter abzuschaffen, denn wir erledigen den Job besser, effizienter und menschlicher.

Dafür brauchen wir einen Think Tank. Wir müssen die Politik beraten, und ihr nicht die Deutungshoheit über unsere Wertschöpfungsketten überlassen. Nicht das Schlimmste abwehren (das wäre Aufgabe der Verbände), sondern Lösungen erarbeiten (das wäre die Aufgabe des Think Tanks). Dabei ist auch die Verwaltung, die Kontrolle unserer Branche elementar. Häufig genug werden wir von einer Behörde kontrolliert, die nicht auf Kontrolle, sondern auf Meinungsbildung aus ist.  Wer hat nicht schon Erfahrungen mit der BA gemacht, die einem die Haare zu Berge stehen lassen? Es braucht eine neue Idee der Kontrolle, ohne staatliche Eingriffe. Auch hier könnte die Lösung könnte ein Think Tank sein. Dabei wäre ein Think Tank, wie wir ihn benötigen, nicht so einfach aufzustellen, wie „Konrad-Adenauer-Stiftung“ für die CDU, sondern er müsste gestaltet sein wie eine advokatorische Denkfabrik, deren Aufgabe es ist, neue Ideen zu entwickeln und diese aggressiv nach außen zu bewerben.

Die Umsetzung.

Träger dieses Think Tanks müssen dabei die Verbände sein, gemeinsam oder alleine. In dieser Denkfabrik müssen sich die klügsten, kreativsten und visionärsten Köpfe aller Branchen (NICHT: nur unserer Branche) zusammenfinden und gemeinsam mit Experten eine Idee der Zukunft der Zeitarbeit entwickeln. Diese Idee muss aber endlich aufsetzen auf der Frage: „Was ist sinnvoll?“ und nicht auf „Was ist möglich.“ Wir brauchen nicht noch eine Projektgruppe, die Statistiken auswertet und nur bekannte Sachverhalte in Muster und Diagramme fasst, sondern wie eine Denkfabrik, wie der Name sagt. Nicht zum x-ten mal die Idee, dass man ja das Payrolling des Kunden übernehmen könnte. Die Frage muss lauten: Wie würden die Zeitarbeit allen Beteiligten am meisten helfen. Wie die Wertschöpfung für alle steigern? Was wäre der Idealfall? Dieser Fall muss dann aggressiv nach außen getragen werden, etwas was Verbänden unmöglich ist. Aus so einer Idee dann eine Gesetzeslage zu kreieren, das wäre dann Aufgabe der Politiker, die dabei von unseren Lobbyverbänden begleitet werden, die schlimmste Auswirkungen auf den Status quo verhindern.

Es gilt die Red Queen Hypothese aus Alice im Wunderland. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Wir müssen sofort aufhören rennen zu lassen, und nach dem Prinzip Hoffnung zu agieren.

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